
Interview
26.02.25
Heuer Fernandes: „Die defensive Stabilität ist die Basis“
Im HSV.de-Interview spricht Keeper Daniel Heuer Fernandes über die Faszination Volkspark, die wirklich wichtigen Themen in der Kabine und das zur Zeit sehr stimmige Verhältnis zwischen defensiver Solidität und offensivem Spektakel.
Am Wochenende geht es für Daniel Heuer Fernandes ein kleines Bisschen zurück in die Vergangenheit, denn vor zehn Jahren spielte „Ferro“ einst für den SC Paderborn. Heute steht er für den HSV zwischen den Pfosten und spielt zum wiederholten Male eine sehr starke Saison, an deren Ende das große Ziel erreicht werden soll. Wie das gelingen kann, welche Rolle hierbei die Faszination Volkspark spielt, um welche Themen es deshalb in der Mannschaftskabine geht und wie genau beim SC Paderborn der nächste Schritt auf dem Weg zum Erfolg gegangen werden kann, das verrät Daniel Heuer Fernandes im HSV.de-Interview.
Ferro, zuletzt gab es vor 57.000 Zuschauern einen berauschenden 3:0-Sieg im Heimspiel gegen Kaiserslautern. Offensiv war es wieder einmal ein Spektakel. Wie sieht das von hinten aus und wie fühlt es sich an, wenn die Offensive zu wirbeln beginnt?
Besonders bei diesem letzten Heimsieg hat man gesehen, dass wir eine sehr, sehr gute Kontrolle hatten. Es macht uns aus, dass wir aus dieser Kontrolle heraus unsere Offensivaktionen durchspielen können. Gerade in der ersten Hälfte haben wir ein richtiges Powerplay aufgezogen und waren sehr aggressiv in unseren Aktionen. Natürlich freue ich mich immer, wenn Offensivaktionen gelingen oder wir im Gegenpressing griffig sind.

Welche Rolle kommt dir in solchen Momenten zu? Bist du da auch mal als „Mahner“ aktiv, nicht zu offensiv und zu euphorisch nach vorn zu spielen?
Nein, als Mahner verstehe ich mich nicht. Aber als Defensivspieler versucht man immer darauf zu achten, dass die Restverteidigung gut positioniert ist, damit man sich keinen Konter einfängt. Ich muss zusehen, dass ich von hinten alles ordne und die Spieler in ihren Positionen coache, damit wir insgesamt stabil sind. Über die 90 Minuten gegen Kaiserslautern hatte ich diesbezüglich aber ein sehr sicheres Gefühl. Das galt auch für die vorangegangen Spiele. Gerade unter der Leitung von Merlin Polzin ist es ein großes Thema, dass wir kontrolliert Fußball spielen. Diese defensive Stabilität ist ein wichtiger Aspekt, um erfolgreich zu sein.
Du sprichst es an, mittlerweile steht ihr defensiv sehr viel stabiler als zu Beginn der Saison, nur Hannover 96 hat weniger Gegentore kassiert. Was wurde im Detail verbessert?
Neben den festgelegten Prinzipien ist es vor allem ein Bewusstsein, das wir unter der Woche für die Defensive entwickeln. Sprich: Wir trainieren und arbeiten viel an der Defensive, damit jeder seine Abläufe kennt. Es ist wichtig, dass in der Hektik eines Spiels jeder ganz genau weiß, welche Räume wir auf jeden Fall besetzt haben wollen. Das ist häufig Thema bei uns. Es muss klar sein, in welchen Räumen wir unsere Prioritäten haben. Jeder weiß, dass wir durch die defensive Stabilität unsere Angriffe starten können, sie ist die Basis. Und das ist der Mannschaft bewusst.
Nun bist du als Torhüter qua Position ein Spieler, der sich mehr über die Defensive identifiziert. Wie wichtig ist es für dich persönlich, Spiele auch ohne Gegentore zu beenden und weiße Westen zu sammeln?
Ich gucke vor allem darauf, dass wir die Spiele gewinnen. Und die Wahrscheinlichkeit auf einen Sieg ist immer erhöht, wenn du wenig Gegentore bekommst. Als Torwart hoffst du aber zugleich natürlich auch darauf, zu null zu spielen, denn es ist meine Aufgabe, keine Gegentore zu bekommen. Und Gegentore nerven auch einfach. Ich freue mich also erstmal über einen Sieg, aber noch besser ist es, diesen zu null einzufahren, weil das einem Keeper auch ein gutes Gefühl für sich selbst gibt.
In Summe ergeben die gute Offensive und die stabilisierte Defensive die Tabellenführung. Ist die Tabelle ein Thema in der Kabine?
Das ist kein so großes Thema. Natürlich möchten wir am Ende auch dort stehen, wo wir uns aktuell befinden. Viel wichtiger ist für uns zum jetzigen Zeitpunkt aber die Art und Weise, wie wir Fußball spielen und wie wir uns weiter verbessern können. Es gibt immer Kleinigkeiten und Details. Und darauf schaut das Trainerteam auch ganz gezielt. Über 90 Minuten gibt es immer Anhaltspunkte, wo man noch etwas besser machen kann. Und zugleich ist es wichtig, dass wir uns das große Ganze vor Augen führen, warum wir am Wochenende erfolgreich waren. Das Verständnis dafür, was passiert, wenn wir unsere Leistung bestmöglich auf den Platz kriegen. Das ist bei uns das Thema in der Kabine.

Du hast die Situation als Favorit in den vergangenen Jahren schon häufig erlebt. Mit bekanntem Ergebnis. Welche Lehren hast du daraus gezogen, die du in der aktuellen Situation einbringen kannst?
Zunächst einmal ist das Ziel, das wir haben, eine große Motivation, um jeden Tag hart dafür zu arbeiten. Ohne diese harte Arbeit wird es nicht klappen. Ich habe natürlich über die letzten Jahre meine Erfahrungen gesammelt und versuche diese auch einzubringen, aber zugleich steht jede Saison auch für sich. Ich habe in dieser Saison das Gefühl, dass wir als Team eine brutale Stärke haben. Wir stehen sehr eng zusammen, tun viel füreinander und jeder gönnt dem anderen alles. Ich hoffe, dass das am Ende unser Trumpf ist, um dieses Mal erfolgreich zu sein.
Kommt den erfahrenen Kräften wie dir, Sebastian Schonlau, Jonas Meffert & Co. in diesen Fällen eine besondere Rolle zu?
Ja, definitiv. Als Führungsspieler haben wir in meinen Augen die Aufgabe, zu vermitteln, dass jedes Training dafür da ist, um sich weiter zu verbessern. Es geht darum, auf Spielniveau zu trainieren. Das gelingt unter anderem mit der Motivation, jedes Trainingsspiel gewinnen zu wollen. Wenn wir diesbezüglich als Führungsspieler vorangehen, dann hilft das der ganzen Mannschaft. Auch die jungen Spieler sind sehr gewillt, sich einzubringen. Vielleicht passiert das weniger durch das Verbale, sondern mehr über die Leistungen. Und genau das brauchen wir. Wir brauchen am Ende jeden einzelnen Spieler, um als Mannschaft erfolgreich zu sein.
So ein dominanter Sieg wie gegen Kaiserslautern sorgt mitunter dafür, dass die Welle der Euphorie wieder sehr hoch ist. Ist es überhaupt erwünscht, diese zu bremsen oder nimmt man diese verbunden mit dem aktuellen Lauf von elf Spielen ohne Niederlage liebend gern mit, weil einen so etwas ja auch tragen kann?
Wir wollen das auf keinen Fall bremsen, sondern den Flow mitnehmen. Dabei muss uns klar sein, warum wir diese Welle aktuell haben. Das liegt daran, dass wir genau wissen, was uns ausmachen muss, damit wir erfolgreich sind. Dieses Selbstverständnis spüre ich in der Mannschaft. Wir verbessern uns wirklich von Woche zu Woche, haben jetzt gegen Kaiserslautern von der ersten bis zur letzten Minute fast durchgängig eine sehr gute Teamleistung gezeigt und das Spiel kontrolliert. Diese Kontrolle muss uns weiter stark machen.
Apropos Euphorie: Die Stimmung gegen den FCK war gigantisch. Wo rangiert dieser Freitagabend von der Atmosphäre her in deinen Top-HSV-Heimspielen?
Das ist schwer einzuordnen, weil die Liste so lang ist und ich so viele tolle Spiele hier hatte. Ich kann auf jeden Fall sagen, dass es mal wieder eine richtig geile Atmosphäre war. Heimspiele hier im Volksparkstadion sind einfach etwas Besonderes. Und die Choreo war definitiv etwas ganz Besonderes, sowas macht etwas mit einem. Es war auf jeden Fall ein spezielles Spiel, weil es so lautstark war und auch die Dynamik des Spiels etwas mit den Fans gemacht hat. Aberkannte Tore, dann trotzdem nachgelegt und am Ende 3:0 am Freitagabend gewonnen. Es war so angerichtet, dass es ein schöner Abend war.

Im Sport und Fußball gibt es den Spruch: „Du bist nur so gut wie das letzte Spiel.“ Bleibt während einer Saison überhaupt Zeit, mal einen solchen Erfolg zu feiern oder blickt man direkt auf das nächste Spiel?
Ein solcher Sieg gibt einem Selbstbewusstsein. Wir haben 3:0 gewonnen, haben hinten kaum etwas zugelassen und stehen aktuell in der Tabelle dort, wo wir auch am Ende stehen wollen. Nichtsdestotrotz können wir aus dem Spiel keinen Zwischenstand, sondern nur die Inhalte mitnehmen. Deshalb gilt gleich wieder der volle Fokus dem nächsten Gegner, als dem SC Paderborn. Wir müssen voll da sein, um dort wieder erfolgreich zu sein. Ab dem ersten Trainingstag der Woche hieß es wieder, in die Inhalte zu gehen und sich auf Paderborn vorzubereiten.
Dort kommt nun ein gewisses Kontrastprogramm gegenüber dem vergangenen Freitag auf euch zu: Mittagsspiel, auswärts, kleines Stadion, giftiger Gegner. Wie stellt man sich da um?
Wir müssen uns vor allem wieder auf einen guten Gegner einstellen. Wir haben schon oft gegen Paderborn gespielt. Sie verteidigen sehr aggressiv, gehen vorn ins Pressing, besitzen eine spielstarke Mannschaft, die vom Trainerteam immer einen guten Plan an die Hand bekommt. Darauf müssen wir uns einstellen. Und zwar mit einer großen Vorfreude aufgrund der vergangenen Wochen. Wir wissen, welche Qualität wir haben. Wir wissen aber auch, dass wir diese auf den Platz bringen müssen.
Du kennst dich in Paderborn ja ein bisschen aus, du kennst die Mentalität dieses Clubs und vielleicht auch noch den einen oder anderen Protagonisten. Wie schafft es der SCP, Jahr für Jahr als eigentlich kleinerer Club eine große Rolle zu spielen?
Ich bin mittlerweile zu weit weg, um das fair zu beurteilen. Ich denke aber, dass Paderborn dafür steht, als Mannschaft gemeinschaftlich aufzutreten. Wenn ich gegen Paderborn spiele, dann weiß ich, dass diese Mannschaft alles raushaut und alles dafür tun wird, ihrem Gegenüber weh zu tun. So stelle ich mich immer auf Paderborn-Mannschaften ein. Und wenn du diese Attribute Woche für Woche auf den Platz bringst, dann ist es kein Zufall, dass der Club Jahr für Jahr oben dabei ist und eine gute Rolle spielt.
Der SCP steht defensiv stabil und hat genau wie du und dein Team erst 29 Gegentore gefangen. Gibt es am Sonntag ein 0:0? Oder trotzdem ein Offensivspektakel?
Ich hoffe natürlich, dass hinten wieder die Null steht, und ich werde alles dafür tun. Und gemeinsam wollen wir dafür sorgen, dass es am Ende aber kein 0:0, sondern vielleicht eher ein 1:0 für uns wird.