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Fussballschule

27.02.24

„An oberster Stelle stehen Ruhe und Geduld“

Mario „Harry“ Jurkschat (41) ist seit mehr als 14 Jahren als Kinder- und Jugendtrainer bei der HSV-Fussballschule aktiv. Im Interview gewährt der ehemalige Junioren-Nationalspieler und Ex-Profi einen Einblick in seine Arbeit.

Mario Jurkschat, der von allen Harry genannt wird, war Jugendnationalspieler und hat unter anderem in der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund gespielt. Seit 2010 ist Harry als Campleiter und Trainer des Talenttrainings bei der HSV-Fußballschule tätig. Im Interview erzählt er, was ihm als Coach wichtig ist und gibt ein paar aufschlussreiche Tipps für angehende Trainer.

Harry, wie sieht das perfekte Kinder- und Jugendtraining aus?

Wenn ein Kind nach dem Training kommt und fragt „Wie, ist es schon vorbei?“, ist das immer ein gutes Zeichen für den Trainer, dass er es geschafft hat, das Training kurzweilig und intensiv zu gestalten. Dass es so weit kommt, hängt in meinen Augen ausschließlich vom Trainer ab und weniger von der Qualität der Spieler.

Kannst du das weiter ausführen?

Die Fragen lauten: Wie nutze ich meine Trainingszeit heute möglichst effektiv? Was will ich den Kindern heute überhaupt beibringen? Wenn ich eine Antwort darauf habe, folgt die Überlegung: Welche Übungen helfen mir bei der Umsetzung, und wie gebe ich jedem Kind möglichst viele Wiederholungen in der Trainingsarbeit? Eine gewissenhafte Vorbereitung auf das Training ist alles. 

Viele Trainer kämpfen in ihren Vereinen mit den gleichen Herausforderungen: wenig Platz und eine Vielzahl an Teilnehmern. Wie gehst du damit um?

Aber genau da beginnt die Vorbereitung. Ich muss mich organisieren. Wie viel Platz habe ich? Wie viele Kinder sind eigentlich beim Training? Wie viele Tore habe ich, und welches Material steht zur Verfügung? Wie kann ich die Umbauzeiten minimieren? Das sind Parameter, die ich im Vorfeld klären muss, damit das Training reibungslos ablaufen kann. Im Training sorge ich dann dafür, dass die Kinder wenig Gelegenheit zur Ablenkung haben.

… was bei einem 7-Jährigen schnell vorkommen kann, oder?

Wann lassen sich Kinder ablenken? Meistens dann, wenn es langweilig ist oder sie sich nicht gefordert fühlen. Baue ich Wettkämpfe ein, erhöht sich automatisch die Intensität und der Fokus. Und mal ganz ehrlich: Welchem Kind macht es keinen Spaß, sich mit seinen Freunden zu messen?

Worauf legst du darüber hinaus in deinem Training Wert?

Die Kinder sollen in 90 Minuten so viele Ballkontakte wie möglich sammeln. Statt beispielsweise sechzehn Kinder beim Torschuss anstehen zu lassen, kann ich die Übung auch einfach doppelt aufbauen oder nebenbei ein kleines Feld zum Kicken abstecken und die Gruppe teilen. Statt 20 Minuten 8-gegen-8 zu spielen, wo jedes Kind dreimal den Ball hat, spiele ich lieber fünf Mal 4-gegen-4, dann haben alle wesentlich mehr Ballkontakte. Übungen sollten nicht einfach nur durchlaufen werden, sondern kurz und knackig sein.

Wie würdest du dich als Trainer beschreiben?

Ein Ansatz steht über allem: Nicht ich bin wichtig, sondern das Kind. Wie schaffe ich es, jedes Kind individuell zu fördern? Das gelingt meine Meinung nach durch sehr viel Korrektur, Geduld und Leidenschaft, Detailverliebtheit, ohne dabei von Perfektion besessen zu sein.

Kannst du das etwas genauer erklären?

Ich muss einem Kind helfen, Dinge richtig zu machen. Es nützt mir nichts, wenn ich eine Übung laufen lasse, ohne zu korrigieren. Kinder wollen lernen. Dementsprechend brauchen sie Input. Hier komme ich als Coach ins Spiel. Ich sage ihnen nicht immer, wie Dinge richtig gemacht werden, sondern nehme sie mit ins Boot und stelle Fragen, sodass sie selbst an Lösungen arbeiten. Wenn sie gar nicht weiterkommen, nehme ich sie beiseite und begleite sie auf dem Weg zur Lösung. Ich sage nicht „Du machst das falsch, mach das mal so“, sondern frage eher „Denkst du, du könntest das noch schneller, noch sauberer hinbekommen – und wenn ja, wie willst du das schaffen?“ Und dann MUSS am Ende ein Lob stehen, das sie bestärkt und ihnen ein gutes Gefühl gibt.

Wie gehst du mit den unterschiedlichen Qualitäten der Spieler um?

Ich muss jeden Spieler auf seinem eigenen Level und Alter abholen. Egal, welchen Leistungsstand die Kinder haben, sie müssen das Gefühl bekommen, dass man sie alle einzeln wahrnimmt. Ich muss der Mensch sein, dem sie vertrauen und mit dem sie gerne arbeiten. Das ist wie bei uns Erwachsenen. Wenn der Chef dich wertschätzt und respektiert, bekommt er von dir Leistung.

Du bildest und schulst auch Trainer. Worauf kommt es dabei an?

Viele Trainer sind jung und noch unerfahren. Ich versuche auch ihnen lediglich ein Begleiter zu sein. Niemand soll so werden wie ich. Jeder soll seinen eigenen Weg als Trainer finden. Und dennoch gibt es Dinge, die ich ihnen auf ihrem Weg mitgeben kann. An oberster Stelle stehen Ruhe und Geduld.

Das sind für junge, ambitionierte und ehrgeizige Trainer nicht unbedingt die beiden Lieblingseigenschaften, oder?

Viele Kinder machen Übungen zum ersten Mal, und Trainer neigen schnell dazu, zu früh zu viel zu wollen. Das ist in meinen Augen falsch. Lasst die Kinder erst einmal machen, ein Gefühl für die Übungen bekommen. Dann, nach einer Eingewöhnungsphase, kann man mögliche Fehler ansprechen und mit Ruhe und Geduld korrigieren.

Viele Kinder haben den Traum, einmal im großen Stadion zu stehen. Einfache Frage für einen ambitionierten Traum: Wie geht das?

Spaß, gepaart mit Arbeit und dem Willen. Ich glaube, alles lässt sich gut verbinden und auch vermitteln. Und ich glaube, dass auch die Arbeit Spaß machen kann.

Was entgegnest du Eltern und Kindern, die zu viel „Druck“ verspüren?

Druck hat etwas mit der Angst vor dem Scheitern zu tun. Wenn ich einem Kind jedoch sage, dass Fehler wichtig sind, um zu lernen, bekommt es ein ganz anderes Gefühl für das Training. Wenn ich etwas gerne mache und lerne, Fehler zu akzeptieren, weil sie zur Entwicklung dazugehören, dann empfinde ich es auch nicht als Druck.

Hast du zum Abschluss noch einen allgemeinen Tipp für ein gutes Training?

Spaß am Fußballtraining ist elementar. Aber als Trainer möchte ich auch Freude haben. Daher achte ich darauf, dass das Training mich ebenfalls unterhält. Es gibt nichts Besseres für einen Trainer, als wenn im Training Action herrscht: Viele Zweikämpfe, Tricks, Torschüsse, und Wettkämpfe. Am Ende des Trainings frage ich die Kinder, was ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist. Das Feedback der Kinder ist oft sehr aufschlussreich und hilft mir, mein Training kontinuierlich zu verbessern.